Frankfurter Tag des Online-Journalismus 2015: „Facts tell, stories sell“

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Frankfurt am Main hieß das Ziel in Sachen Online-Journalismus vor wenigen Tagen: Bereits zum elften Mal luden der Hessische Rundfunk (HR) zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und ihrem Medienbeauftragten sowie evangelisch.de und EPD Medien zu einem eintägigen Kongress, um aktuelle Trends und Themen des Online-Journalismus zu diskutieren – in diesem Jahr vornehmlich im Spannungsfeld zwischen „Häppchen-Journalismus“ und großem „Storytelling“, wobei selbstredend immer wieder die Frage nach der Monetarisierung digitaler Inhalte gestellt wurde.

Im Folgenden einige persönliche Eindrücke und Schlussfolgerungen, natürlich auch aus dem touristischen Blickwinkel. Und gleich vorweg: Die Rednerliste hat überzeugt! Von den echten Onlinern wie Milou Klein Lankhorst (De Correspondent aus den Niederlanden) bis zu Friedrich Küpperbusch hatte der HR eine mehr als eindrucksvolle Expertenrunde zusammengestellt.

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Allen voran: Richard Gutjahr, der in seiner Keynote „Make it snackable“ schnell auf den Punkt kam: „Das Zeitalter der großen Geschichten ist vorbei“, online ist ein gänzlich anderer Ansatz nötig: Klein und handlich soll das Format sein – und es darf vor allem nicht aus Mittelmaß bestehen: „Sei der Erste oder der Beste“. Anschaulich illustrierte er das mit den aktuellen Entwicklungen bei der Washington Post, die massiv in Technik und Programmierer investiert und dafür gegenwärtig mit +63% bei den page impressions belohnt wird. Ob sein radikal anmutender Ansatz „Make it snackable“ wirklich Bestand hat (schließlich boomen die langen Storytelling-Strecken, siehe unten), wird sich zeigen. Überzeugend war sein kompromisslos auf Qualität (Auffindbarkeit, Relevanz, Konfektionierung des journalistischen Materials) zielender Ansatz aber allemal. Auf Richard Gutjahrs Internetseite ist seine Keynote jedenfalls noch einmal im Volltext abrufbar.

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Ebenfalls ein Highlight waren die Informationen von Milou Klein Lankhorst, Herausgeberin des niederländischen Online-Formats „De Correspondent“. Sie machte deutlich: Auch online lassen sich Projekte stemmen (Stichwort: Crowdfunding) und vor allem finanzieren. Dafür legte sie beeindruckende Zahlen vor: Ca. 33.000 zahlende Mitglieder ermöglichen De Correspondent heute, 24 Vollzeit-Journalisten arbeiten für diese Plattform. Aber: Die Leser und Abonnenten machen mit, sie sind weit mehr als nur Konsumenten, sie teilen, liken, sharen und werden in Beiträge aktiv einbezogen. Oder in Lankhorsts Worten: „33.000 members know more than 30 journalists. We do only exist by our members.“

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Außerdem gab es aus erster Hand Informationen über das Online-Storytelling-Tool Pageflow. Die Macher Stephan Domke und David Ohrndorf boten einen kompakten Überblick und es blieb sogar Zeit, das System selbst zu testen – all das übrigens eine open source Initiative einiger öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten. Bereits erstellte Pageflow-Reportagen (responsive, also lauffähig vom Smartphone über Tablet bis zum PC!) auf der Basis dieses Systems sind jedenfalls ansprechend. Barbara Hans von Spiegel Online merkte aus ihrer praktischen Arbeit zurecht an: „Eigentlich ist der Aufwand immer zu groß. Storytelling braucht Idealismus.“ Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Der Bayerische Rundfunk hat ein eigenes Storytelling-Produkt entwickeln lassen. Linius funktioniert als Plugin für WordPress, nähere Informationen hierzu finden sich auf der Entwickler-Webseite.

Schlussendlich bleibt also die Erkenntnis, dass zwischen „snackable“ à la Gutjahr und den üppigen multimedialen Story- und Scrollytelling-Formaten viel Raum für guten, also hochwertigen und ansehnlichen, Online-Journalismus bleibt. Und der darf gerne umfangreicher sein als nur kleine social-media-Häppchen (Stephan Lamby von dbate auf die Frage, welche Geschichte auf seiner Plattform am erfolgreichsten war: „Ein sechsstündiges Interview mit Helmut Kohl, ungeschnitten.“).

Essentiell für die Onlinearbeit in der Tourismuskommunikation ist ohne Frage das qualitätsgeleitete Arbeiten und natürlich auch Plattformen wie Pageflow, die das Storytelling zum Beispiel in Südtirol „für den Hausgebrauch“ einzelnen Hotels oder Tourismusverbänden ermöglichen könnten. Kurzum: Work in progress oder eben Experimentierfreude bleiben gefragt angesichts vieler noch nicht ausgetretener Pfade im Internetjournalismus, aber bitte mit Leidenschaft und einem steten Blick auf den „Like“-Button.

 

Update: Auf einer Seite hat der Hessische Rundfunk die Kongresseindrücke noch einmal zusammengefasst und verweist dort auch auf meinen Tagungsbericht. Sie finden die ftoj15-Eindrücke online auf der HR-Homepage!

 

 

 

 

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