Angelesen: FAZ Quarterly

Erst vor knapp 10 Jahren begann die Frankfurter Allgemeine Zeitung, täglich ein Farbfoto auf ihre Titelseite zu drucken. Zuvor gab es nur zu besonderen Anlässen ein schwarz-weiß Foto auf Seite 1, beispielsweise im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den 11. September 2001 oder bei der Papstwahl im Jahr 2005.

Die massive Digitalisierung des Journalismus hat die Lesegewohnheiten seitdem erheblich verändert. Die stetig schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne von Lesern dürfte dabei noch das geringste Problem sein. Viel dramatischer wirken sich sinkende Werbeeinnahmen, Abo- und Auflagenzahlen auf Verlage und Redaktionen aus. So verlor die FAZ seit dem Jahr 2000 über ein Drittel ihrer täglichen Auflage, E-Paper- und Digitalabos konnte dagegen offensichtlich wenig ausrichten.

So ist es der FAZ hoch anzurechnen, dass Sie sich kompetente Verstärkung bei der Werbe- und Designagentur Winkreative in London holte, um sozusagen eine eigene „Vierteljahresschrift“ aufzulegen und zu gestalten. Hinter Winkreative steht der Kanadier Tyler Brûlé, der seit 2007 das von ihm kreierte MONOCLE Magazine herausgibt – und damit (und dank seiner starken Diversifikation der Marke) beachtliche Erfolge mit einem Printmedium feiert, das er selbst übrigens als „Anti-iPad-Device“ verstanden wissen will.

Aber zurück zu FAZ Quaterly: Ja, das Heft ist optisch und haptisch gelungen! Die 650 Gramm liegen satt in der Hand, verschiedene Sorten Papier korrespondieren wunderbar mit den Fotos und Texten – das kann keine App je leisten.

 

Inhaltlich präsentiert sich das Heft, das sich in Anlehnung an die „coffee table books“ tatsächlich gut auf dem Kaffeetisch macht, aufgeräumt: Teil 1 ist den „FAQ“ gewidmet, „häufig gestellte Frage im Winter 2016/17“. Block 2 behandelt „Das Thema – Dem Kampf um das Morgen“, Teil 3 beinhaltet die „Materialien – Stoff für die Gegenwart“. Und Teil 4 stellt schließlich einen Ausblick dar: „Was kommt – Worauf wir uns freuen“.

Die Grundstimmung des Hefts ist äußerst positiv, beinahe schon über- oder zumindest weichgezeichnet: Von Krisen zeigt man sich „beeindruckt“, mit dem Stand der Dinge dürfe man sich keinesfalls „zufriedengeben“, denn: „Es gibt zu viele Glücks- und Freiheitsversprechen, die noch nicht eingelöst sind“, so Rainer Schmidt und Claudius Seidl in ihrem Vorwort wörtlich.

An dieser Stelle stutze ich: Liegt es wirklich nur an der englischen Sprache, die das MONOCLE Magazine – mit dem sich Quaterly in meinem Augen und angesichts der Anschubhilfe von Winkreative messen lassen muss – viel weltgewandter präsentiert? Oder hat das Pendant aus der 1 Dorset Street in London vielleicht doch einen erheblich internationaleren Anspruch? Mit Politiker-Interviews aus aller Welt und eigenen Korrespondenten, Berichten aus EU, NATO und anderen großen Organisationen, Design und Architektur – statt Themen wie Amok (Seite 94ff., der Autor Joseph Vogl hat seine Position bereits im Jahr 2012 in einem ZEIT-Interview veröffentlicht) und – zugegeben: etwas zugespitzt – Bettwanzen (Seite 134ff.). Und wie „Die Männer von gestern und der geplatzte Traum“ (Seite 102ff. über den gefloppten VW L1, der angesichts der für VW völlig veränderten Nachrichtenlage sicher kein Thema mehr sein dürfte…) mit dem redaktionellen Anspruch zusammengeht, positiv in die Zukunft zu blicken, erschließt sich mir nicht.

Jetzt heisst es abwarten – auf die zweite Ausgabe und ihre Themen. Lesenswert ist FAZ Quarterly allemal, richtig rund ist das Magazin aber noch nicht. Aber aus dem Vorwort der 1. Ausgabe wissen wir: So schnell will sich die Redaktion nicht mit dem status quo zufriedengeben. Gut so!

Kommentare sind geschlossen.