Peter Sloterdijk und Manfred Osten in Toblach

Ein philosphisches Gipfeltreffen war es nicht, der nachmittägliche Diskurs Manfred Ostens und Peter Sloterdijks im Grandhotel Toblach brachte aber dennoch einige interessante Erkenntnisse zu Tage.

Doch zunächst ein Rückblick: Erst kürzlich attestierte der Münchner Systematiker Prof. Friedrich Wilhelm Graf via „Frankfurter Allgemeinen“ dem Karlsruher Philosophen, dass in Sachen Theologie-, Christentums- und Reformationskritik „die theologischen Aufklärer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ungleich prägnanter, begriffsschärfer“ formulierten, als Sloterdijk, der „im Wust seiner unterhaltsamen Assoziationen oft den roten Faden zu verlieren droht“ (FAZ vom 26. Juli 2017).

Man kann Graf nur zustimmen, ein ganz ähnliches Bild ergab sich denn auch in Toblach: Peter Sloterdijk referierte – über weite Strecken im Plauderton – kenntnisreich, Manfred Osten wagte jedoch keinerlei kritische Rückfragen. Man streifte thematisch den „klimatischen Sozialismus“ und die „pyromanische Kultur“ der vergangenen Jahrhunderte, problematisierte den schwierigen Übergang in die Solarkultur, warf Fragen nach einem postfossilen Zeitalter auf – und relativierte die derzeit virulente Feinstaubdebatte mit dem Hinweis, dass es täglich ohnehin 2,5 Milliarden offene Feuerstellen weltweit gäbe. Dass damit weder dem Welt-Klima im Allgemeinen, noch den Bewohnern Stuttgarts exemplarisch gedient ist, sollte sich von selbst verstehen, widersprochen wurde den beiden seitens des Publikums jedoch nicht.

Ein weiterer thematischer Block waren die Migrationsbewegungen im frühen 21. Jahrhundert, sie stellten nach Sloterdijk das Genossenschaftsprinzip unserer Sozialstaaten in Frage und imitierten letztlich die medial in alle Welt verbreiteten Mobilitätsideen der westlichen Welt. Leider blieb offen, welche praktischen und humanitären Konsequenzen aus diesen doch sehr zugespitzten, bisweilen holzschnittartigen Ausführungen erwachsen könnten. Widerspruch ernteten die beiden Philosophen seitens des Publikums erneut nicht.

Im Schlussteil war Manfred Osten um Konkretion bemüht, er erkundigte sich bei Sloterdijk nach den Implikationen eines wortwörtlichen oder gar fundamentalistischen Schriftverständnisses im Islam, was letzterer zunächst lediglich mit einem Verweis auf das lutherische sola scriptura zu beantworten wusste – und damit vermutlich einer nicht unerheblichen Fehldeutung dieser reformatorischen Maxime erlag. Widerspruch seitens des etwa 100-köpfigen Publikums war auch an dieser Stelle nicht vernehmbar.

So endete nach eineinhalb Stunden ein durchaus interessanter philosophischer Nachmittag, der große – manchmal schlicht zu große – philosophiegeschichtliche Bögen gezogen hatte und der an vielen Stellen eine Vertiefung und Einordnung vertragen hätte. Aber dazu könnte es ja zukünftig noch einmal Gelegenheit geben, das Grandhotel Toblach und die dortigen Organisatoren haben jedenfalls einen hervorragenden Raum für derartige Projekte geschaffen.