Einmal Oberpfalz – und zurück!?

Neulich habe ich ein interessantes Experiment unternommen: Wie ist es, wenn man seine alte Heimat wieder einmal bewusst wahrnimmt und Veränderungen nachvollzieht? Der folgende Beitrag beschreibt meine letzte Oberpfalzreise in Schlaglichtern…

Einmal Oberpfalz – und zurück!?

Ich gebe zu: Für meine zurückliegende Reise in die Oberpfalz habe ich mich etwas mehr vorbereitet, als ich das sonst tue. Normalerweise genügt ein halbwegs gefüllter Tank oder ein Zugticket und die knapp vierhundert Kilometer zwischen Brixen in Südtirol – wo ich seit vielen Jahren lebe und arbeite – und der Oberpfalz können kommen.

Diesmal sollte es gleich eine Urlaubswoche sein, zwischen Donau und Naab. Und dazu ein Kopf voller Fragen: Wie ist das, wenn man seine alte Heimat wieder einmal ganz bewusst wahrnimmt? Wenn man die Augen offen hält für Veränderungen und man Vergleiche zieht, zwischen der alten Heimat Oberpfalz und der neuen Heimat Südtirol? Kurzum: Wenn die Spitzen des Regensburger Doms eben nicht einfach so im Augenwinkel vorbeirauschen, bevor man in den Pfaffensteiner Tunnel eintaucht?

Die Oberpfalz vor fast 20 Jahren und heute

Fast auf den Tag genau vor 17 Jahren haben mich zunächst mein Studium, später dann berufliche Stationen in München, Wiesbaden und eben dem italienischen Brixen aus der Oberpfalz hinausgeführt. Heute bin ich Gast in Ostbayern, und staune schon beim Verlassen der Autobahn: In Regensburg wurde und wird gebaut! Wenn neue Gebäude und Firmengelände ein Indikator für wirtschaftlichen Aufschwung sind, dann ist er in der Oberpfalz fraglos angekommen. Und die Stadt klingt bei einem ersten Spaziergang so international, wie ich sie noch nie erlebt habe: Schon mittags im Biergarten des Klosters Weltenburg italienische Besucher, die sich unter dem Klang der Maßkrüge eine Schweinshaxe schmecken lassen und dabei vorurteilsfrei alle Raffinessen der leichten mediterranen Küche vergessen: „Che pesante, ma molto buono…“ Herrlich!

Regensburg, die Partnerstadt Brixens

Auf der Steinernen Brücke, am Domplatz und im Hotel waren dann amerikanische Gäste tonangebend, deren breite Aussprache interessanterweise eine geradezu harmonische Symbiose mit dem diphtonglastigen „ou“ der einheimischen Oberpfälzer eingeht. Seit meine letzten Gehversuche im oberpfälzischen Dialekt mit einem barschen „Du bist oba niad vo dou!“ quittiert worden waren, begnüge ich mich mit der Erkenntnis, dass wahre Oberpfälzer zum einen ungemein herzlich sein können, zum anderen aber eigentlich eh nur reden, wenn sie dies für dringend erachten… So halte ich es für den Rest meines Oberpfalz-Urlaubs auch.

„S’mou geij“ sagt ein Oberpfälzer und schweigt wieder

Und Schweigen war keine schlechte Idee: Ob der Landschaft (Roadtrip durch Südschweden? Nehmt eine Oberpfälzer Landstraße!), ob der vielen kulturellen Highlights, die sich in den letzten Jahren in beeindruckender Weise herausgeputzt haben (Kallmünz, Amberg und vor allem Nabburg mit seiner „Venedig“), ob der tollen Sterneküche, die in der Oberpfalz entstanden ist oder ob der sportlichen Möglichkeiten: Ich bilde mir ein, noch immer Sand in meinen Schuhen von einem spontanen „Bergabenteuer“ auf dem Monte Kaolino im Sommer zu spüren… Und die Zeitung und viele Internetportale sind voll von Stellenangeboten, von jeder Menge Hightech ist da zu lesen, fernab von teuren, übervollen Großstädten. Das gab es vor 20 Jahren in dieser Form sicher nicht!

Die Tage in der Oberpfalz sind vorüber, „staad“ ist es bei der Rückreise von der alten in die neue Heimat. Wie ist sie denn nun, die Oberpfalz? Oder besser: Habe ich etwas vermisst?

Jein. Erzählt noch lauter, welche Lebensqualität Ostbayern zu bieten hat. Aber realistisch. Ohne Instagram-Hipsterfilter. Dafür mit Menschen, die dort schon lange leben und Außergewöhnliches leisten. Erzählt, wie gut man dort leben und arbeiten kann – aber auch, welche Einschränkungen es gibt, Stichworte: öffentlicher Nahverkehr, Erreichbarkeit, Kultur. Und helft mit, dass sich Leute wie ich, die die Oberpfalz vor Jahren zwar verlassen, aber nie völlig aus den Augen verloren haben, miteinander leicht vernetzen können. Solche „Expats“ nennen sich hier in Südtirol ganz programmatisch „Südsterne“ und sind dank App und Online-Portal bestens verbunden, sind Multiplikatoren für ihre alte Heimat – und kommen (in welcher Form auch immer) gerne wieder zurück nach Hause. So wie ich in die Oberpfalz.

Nachtrag: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte kürzlich einen lesenswerten Beitrag der Philosophin Carolin Emcke (SZ am Wochenende, Kolumne „Heimat“) zum Begriff Heimat und seiner rhetorischen Formierung. Sie schließt ihre Einschätzung mit einer wichtigen Erkenntnis: „Zuletzt ist Heimat womöglich wirklich nur das, wovon man ausgeht, das, womit sich beginnen, aber nicht enden lässt.“